Hansjörg Albrecht - Presse

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Mehr Orchesterlieder von Walter Braunfels

18/10/2016 : Walter Braunfels: Orchesterlieder Vol. 2 (Drei Chinesische Gesänge op. 19, Romantische Gesänge op. 58, Die Gott minnende Seele op. 53, Der Tod der Kleopatra op. 59, Vier Japanische Gesänge op. 62); Genia Kühmeier, Camilla Nylund, Ricarda Merbeth, Konzerthausorchester Berlin, Hansjörg Albrecht; 1 CD Oehms Classics OC 1847; Aufnahme 11/2015, Veröffentlichung 30/09/2016 (68'21) – Rezension von Remy Franck

Der Spätromantiker Walter Braunfels beginnt sich von dem Naziverbot und der Avantgarde-Verachtung zu erholen. Oehms sei Dank, haben wir jetzt eine zweite CD mit Orchesterliedern, in denen ein schönes Aufgebot an Sängerinnen für vokale Qualität sorgt, während Hansjörg Albrecht diesmal am Pult des exzellenten Konzerthausorchesters Berlin die Musik inspiriert zu deklamatorischer Plastik bringt.

Mit ihrer warmen und hellen Sopranstimme hat die Finnin Camilla Nylund alles, was eine Sängerin braucht, um die Chinesischen und die Romantischen Gesänge musikalisch einfühlsam zu singen und den Hörer zu bewegen.

In dem Zyklus ‘Das fließende Licht der Gottheit’ vertonte Braunfels einige der mystischen Traktate von Mechthild von Magdeburg aus dem 13. Jahrhundert. Die Musik begegnet der naiven Qualität der Text mit einem aufgefächerten Klang, den Albrecht sehr gut trifft, und Genia Kühmeier gelingt es, die Innigkeit von Mechthilds Dialogen mit Gott mit schöner Unmittelbarkeit wiederzugeben.

Die dritte Sopranistin im Bunde, Ricarda Merbeth, widmet sich den ‘Vier Japanischen Gesängen’, in denen Braunfels genau wie im Falle der ‘Chinesischen Gesänge’ keine exotischen Klänge in der Musik verwendet. Obwohl sie sehr gut artikuliert und recht textverständlich und auch ausdrucksvoll singt, stört ihr schepperndes Vibrato hier genauso wie in anderen Aufnahmen, in denen wir sie hörten. Sehr emphatisch klingt ihre Stimme auch im ‘Tod der Kleopatra’ nach Shakespeare.

Vivaldi in Dresden – The Four SeasonsTranscriptions for Organ

Hansjörg Albrecht  an der Silbermann-Orgel der Hof kirche Dresden Oehms Classics OC 1822 (2015)

Was hat Antonio Vivaldi mit Dresden zu tun? Der ehedem berühmteste Musiker des 18. Jahrhunderts,der halb Europa bereiste, hat diese Stadt bekanntlich nie gesehen. Und doch sticht die konzeptionelle Idee der Einspielung ins Auge: Musik des genialen „Prete rosso“, gespielt an einer deutschen Barockorgel im italienisches Flair atmenden und nahezu wiedererstandenen „Elbflorenz“, arrangiert in Fassungen von J. S. Bach und Heinrich Grimm. Diese Rechnung an interessanter Melange geht nicht nur auf, sie wird geradezu zu einem Erlebnis, wenn sie musikalisch so zusammengefügt wird, wie Hansjörg Albrecht es hier tut.

Gleich zu Anfang des d-Moll Concertos wird man von Albrechts Drive mitgerissen. Die Gravität der Orgel, der größten von Gottfried Silbermann und mit historisch originalem Pfeifenbestand, hat gewiss ihren eigenen gewichtigen Anteil da ran. Der Interpret improvisiert im Grave und auch in den schnellen Sätzen freudig drauflos, spart nicht mit Ornamenten und Varianten, dass es eine wahre Freude ist. Das „Grosso Mogul“-Concerto wird durch tiefe Pedalstimmen zunächst einmal bewusst „elefantös“ introduziert, bevor das eigentliche Stück sodann beginnt. Vermeintlich „un-historische“ farbige Registerwechsel in großer Zahl fördern die klanglich unglaublichen Möglichkeiten dieses Instruments zutage. Bisweilen vernimmt der Hörer  ein regel rechtes Registercrescendo bzw. -decrescendo, und eigentlich hätte man den/ die Registranten verdientermaßen im Booklet erwähnen sollen.

Albrecht realisiert bisweilen sogar Accelerandi und Ritardandi in der Solostimme, doch stets klingt alles sehr überzeugend und evident.

Grundsätzlich sind alle Tempi außer dem von Track 1 eher gemäßigt, was nicht nur dem überhalligen Raum, sondern auch der Orgel mechanik geschuldet ist. Albrecht ist klug genug, geschwindigkeitsmäßig nicht in Konkurrenz zu einem Streicherensemble, wofür die Stücke ursprünglich natürlich gedacht sind, treten zu wollen, sondern er erschafft die Lebendigkeit durch sein überaus vitales und artikulatorisch gekonntes, mit Verzierungen angereichertes Spiel.

Fast noch mehr kommt das alles in den Jahreszeitenzum Tragen. Der Bearbeiter hat hier eine gelungene Transkription dieses wohl berühmtesten Vivaldi-Stücks vorgelegt und typische Probleme, wie sie beim Übertragen von Musik für Streich auf Tasteninstrumente auftreten, geschickt gelöst. Albrecht hält sich ziemlich genau an die Bearbeitung, weicht nur im Mittelsatz des „L’Autunno“. Manchmal hat man das Gefühl, der Spieler ändert die Vorlage gerade dann, wenn er etwas ausprobiert, was im speziellen Falle bei der Silbermann-Orgel vielleicht noch besser klingt als das, was der Notentext gerade vorschlägt. Auch hier herrschen insgesamt moderate Grundtempi vor, aber sehr lebendig und einfallsreich gespielt. Albrecht registriert nicht nur viel, er lässt das Instrument auch häufig in tiefen Fußlagen erklingen und schafft so eine eigene Klangidiomatik, die der Überzeugungskraft der Transkription ebenfalls entgegenkommt. Summa summarum eine spannende und mit Freude anzuhörende Einspielung!

Christian von Blohn , organ 4/2015


Halleluja

Händels "Messias" wird unter Jörg Albrecht zum Erlebnis

Wenn die Pauke aufdröhnt, die Trompeten schmettern und der Chor das "Halleluja" skandiert, dann möchte es einen noch immer von den Sitzen reißen, so wie einst die Briten, die das Stück aus Händels "Messias" als inoffizielle Nationalhymne adoptiert haben. Tröstlich, dass es noch Hits der Klassik gibt, die es mit Heavy Metal bis Stockhausen aufnehmen können. Dabei servierte uns Hansjörg Albrecht im Herkulessaal keineswegs einen pompösen Händel. Schon die Eingangssinfonia musizierte er duftig, durchsichtig und fein artikuliert, regulierte Tempi und Dynamik mit größter Subtilität und modellierte Münchener Bach-Chor und -Orchester mit kammermusikalischer Delikatesse. Da hörte man sogar die Theorben aus der Continuo-Besetzung, aber auch, wie im Chor "Since by man came death", romantische Melodramatik.

Das machten dann die Solisten, Tenor Thomas Cooley und der Bariton Klaus Häger, mit viel Forte und dramatischem Brio wieder wett. Auch die Griechin Fanie Antonelou wusste ihren glasklaren Sopran zu veritabler Operndramatik zu steigern. Mit introvertierter Glut zwischen Belcantoglanz und Noblesse aber war die Mezzosopranistin Olivia Vermeulen die perfekte Besetzung für Albrechts Stilkonzept. Gleich ihre erste Arie "But who may abide" entfaltete das zauberische Flair einer beseelten Innerlichkeit, das die Differenz zum Timbre der Countertenöre erleben ließ. Händel hat ja auch, nach Ausweis des Quellenmaterials, den Alt oft weiblich besetzt. Aber ob er so virtuos wie Albrecht als Fan einer Doppelbesetzung des Continuo mit Orgel und Cembalo zwischen Tasten- und Dirigierakrobatik agierte, wissen wir nicht.

Bemerkenswert war die Stimmkultur des Bach-Chores, die sich unter Albrecht immer weiter vom protestantischen "Ha-Ha"-Schmetteridiom zu feiner Klangexpressivität entwickelt hat. Vielleicht war dieser Saisonauftakt mit dem von Bravorufen bejubelten "Halleluja" ja ein gutes Omen für einen irdischen "Messias" als Retter für den geplagten Bach-Chor. Verdient hätte er es.

Von Klaus P. Richter, Süddeutsche Zeitung (21/09/2015)


"Hansjörg Albrecht offenbarte … in jedem Takt, warum ihm diese Oper [Gluck: Iphigenie auf Tauris] so am Herzen liegt:
 
Die fein gesponnenen und … berückend schön gesungenen Chöre der Priesterinnen durfte man bei ihm als fernen Nachklang Bachscher Passionen hören.”
 
(SZ 20.2.2008)